Das Leben vollbringen. Das Leben ist nicht verschieden. Das Leben lebt.
In meiner Schreibzeit in Scheßlitz in Bayern bei Bamberg liegt ein Stapel meiner mitgebrachten Bücher auf dem Fenstersims. Es schaut mich morgens beim Frühstück an und fordert mich auf, hinzusehen. Ja, was liegt denn da übereinander.
Verwobenes Leben von Merlin Sheldrake. Alles Leben ist eins von Renée Weber. Ich will verstehen von Ingeborg Gleichauf. Vom Menschen als utopischen Wesen von Ortega y Gasset. Vier Bücher. Vier Inhalte. Vier Verbindungen. Vier SchriftstellerInnen, AutorInnen. Sie alle geben ihr Bestes um etwas auszudrücken, was wir Lesenden nachempfinden, nachdenklich aufbereiten und woran wir überdenkend teilnehmen können.

Was sind Bücher eigentlich?
Was sind Bücher eigentlich? Warum setzt sich ein Mensch, eine Menschin an einen Tisch und schreibt etwas auf? Diese vier Ausstellenden haben jeweils ein eigenes Bestreben. Sie wollen uns Lesenden etwas in Kenntnis bringen. Sie wollen auf etwas hinweisen, auf etwas mit dem Finger zeigen, was sonst unbeachtet bliebe. Sie stellen nicht nur ein eigenes Selbst mit einer Meinung und einer Ansicht dar, sondern sie nehmen all das, was ihnen am Herzen liegt und schreiben darüber. Sicherlich gibt es andere Schriftstellende. Doch ich bleibe jetzt bei denen, die wie diese vier Schreibenden dieses etwas mitteilen wollen, das sonst kein Gesicht hätte.
Was ist dieses Etwas?
Wenn wir ganz genau hinschauen, ist trotz der Unterschiedlichkeit der Inhalte, etwas nicht Unterscheidendes dabei. Merlin Sheldrake stellt in seinem Buch „Verwobenes Leben“ das Leben von Pilzen dar. Er kriecht in diese Pilze hinein. Er betrachtet sie nicht einfach nur von außen und beschreibt ihre äußere Form und ihr Blick unter dem Mikroskop, sondern er befördert sich selbst mitten in einen Pilz hinein, er begibt sich hinein und vollbringt sich selbst als Pilz so gut wie er es kann. Ein umwerfendes Buch auch für Nichtliebhaber von Pilzen.

Renée Weber, Philosophin, wird durch ihr Buch über die Vernetzung von Naturwissenschaft und Spiritualität, „Alles Leben ist eins“ bekannt. Sie führt Interviews mit den berühmtesten großen Mystikern, Physikern und Biologen ihrer Zeit. Sie verstarb 2017. Sie möchte mit diesen interviewten Menschen, zu denen auch der Dalai-Lama, Stephen Hawking und David Bohm gehören, einfach herausarbeiten, dass eine Unterscheidung zwischen der Naturwissenschaft und der geistigen Welt, der wir den Namen Spiritualität geben, kein Unterschied besteht. Dass es nichts zu unterscheiden gibt, sondern eher die Aufgabe ist, das Gemeinsame zu erforschen. Sie sagt von sich selbst: „Ich bin mir bewusst, dass ich ein Außenseiter bin, denn ich kann mich mit nichts Geringerem als dem Ganzen zufriedengeben.“ (https://philosophy.rutgers.edu/people/in-memoriam/in-memoriam/1333-weber-renee)

Ingeburg Gleichauf, ebenfalls Philosophin, bringt uns in ihrem Buch „Ich will verstehen“ das Leben von unbekannten Philosophinnen nahe, die keine Chance bekommen in unserer heutigen Welt benannt, zitiert, für lesenswert und mitteilenswert gehalten zu werden. Sie erzählt von den Frauen in der Geschichte der Welt, die sich immer wieder die Fragen nach dem Leben stellten und wie es zu verstehen sei.

Ortega y Gasset, ein spanischer Philosoph, der viel zu spät in mein Leben als Philosophin trat. Er geht in seinem Buch „Vom Menschen als utopischem Wesen“ der Idee nach, was die wirkliche Welt eines Menschen ist und stellt sich die Frage, ob die Phantasie wirklich eine Närrin ist und ob die Wissenschaft und die Philosophie nicht doch nichts Anderes sind als Phantasien?

Das Leben lebt!
All diese vier Menschen gehen auf etwas ein, dass ein lebendiges ununterscheidbares, freies, offenes Leben genannt werden kann. Sie vollbringen Taten mit ihren Büchern, die in jedem Satz neu geformt werden und so einen millionenfachen Ausdruck erhalten, der kaum vorstellbar ist, wenn nicht tatsächlich dort Buchstaben zu Sätzen vor uns liegen würden, sogar in den verschiedensten Sprachen der Welt, die wir lesend aufnehmen können.
Hier sei bemerkt, dass es viel zu wenig Übersetzungen von guten Büchern gibt. Ein Werk wie das von Ortega aus dem Spanischen, das im Original bereits 1934 erschien, wurde in die deutsche Sprache erst 1951 übersetzt. Ein Werk wie das von Raul Hilberg, Über die Vernichtung der europäischen Juden, wurde erst zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen in englischer Sprache ins Deutsche übersetzt. Dabei ist dies meiner Meinung nach ein mehr als empfehlenswertes Buch gerade wegen unserer Geschichte. Es kam erst 1982 auf den deutschen Markt. Kaum zu glauben.
Das bunte Leben allein dieser vier Schreibenden ist schon bedeutsam, aber der Inhalt ihrer geschriebenen Worte zeigen einmal mehr wie vielsagend, gehaltvoll und tiefsinnig unser aller Welt ist. Und wie Toni Morrison in ihrem Buch „Selbstachtung“ gleich auf der ersten Seite schreibt: „Schreibende – ob Journalisten, Essayisten, Blogger, Dichter oder Dramatiker – können die gesellschaftliches Schweigespirale durchbrechen, die die Menschen in das Wachkoma versetzt, das die Despoten ›inneren Frieden‹ nennen.“ (Morrison 2022, S. 9)
Haben sie schon einmal unter so einem Aspekt ein Buch gelesen. Es kann noch so einfach sein. Ein einfacher kleiner Roman kommt durch einen offenen Bücherschrank zu ihnen ins Haus. Aus irgendeinem Grund wählten sie genau dieses Buch und jetzt liegt es da. Auch wenn Neurophysiologen heute Gefühle mit Hormonen erklären, gibt es kein Hormonmuster, das auf alle anwendbar wäre und bei allen Menschen das gleiche auslöst.
Alberto Manguel greift in seinem Buch „Bibliothek bei Nacht“ ein Zitat von Gabriel Naudè auf, der 1627 in Ratschläge für die Einrichtung einer Bibliothek schrieb:“…. Es gibt kein Buch, so schlecht oder schlecht besprochen es auch sein mag, das nicht an einem zukünftigen Tag ein bestimmter Leser suchen mag.“

Das richtige Buch für jeden?
Es gibt also für jeden das richtige Buch. Übrigens diese Ansicht wird wunderbar dargestellt im Buch von Nina George, Lavendelzimmer.

Bona Peiser
Und es gibt noch ein Buch in diesem Zusammenhang auf das ich verweisen möchte. Die Geschichte einer Frau mit Namen Bona Peiser. Sie ist die erste deutsche Bibliothekarin. Sie gründete die ersten Lesesäle in Berlin, aus denen die ersten Bibliotheken entstanden. Sie bildete Bibliothekarinnen aus. Sie eröffnet 1895 in Berlin die erste öffentliche Lesehalle. Sie wurde 1864 als Tochter eines Verlagsbuchhändlers in Berlin geboren, d.h. Bücher standen von Beginn ihres Lebens in ihrem Lebensraum. Die vorher bestehenden Volksbibliotheken waren in der Regel von ehemaligen Lehrern geleitet und wurden nur stundenweise zwei/dreimal die Woche geöffnet. Während im englischsprachigen Bereich schon lange Frauen in Bibliotheken arbeiteten, war dies im preußischen Staat noch völlig unbekannt und als Jüdin erst Recht schwierig eine gute schulische Abschlussbildung zu bekommen und eine entsprechende Arbeit. Bona Peiser brachte den Menschen nicht nur Bücher, Zeitungen und Lesbares überhaupt. Sie machte es möglich, dass auch im preußischen Staat so etwas wie Allgemeinbildung entstand.

Das Werk von Frauen
Mich erfüllen diese Frauen mit Hochachtung. Als selbst Schreibende mit dem ewigen Wunsch eines Schreibenden gelesen zu werden, finde ich es einfach bemerkenswert, dass Frauen wie im Buch von Ingeborg Gleichauf immer wieder neu beginnen, ihre Stimme zu zeigen und sich für sich und die Welt einzusetzen.
Ich nehme diese Stimmen ernst, denn auch ich suchte einen/e HerausgeberIn für mein Buch „Mein Freund Oryoki“. Jetzt suche ich erneut, aber diesmal einen englischen HerausgeberIn für dieses schöne Buch, von dem es Rückmeldungen zu mir gibt, dass es ganz „normal“ lebenden Menschen in schwierigen Lebenssituationen hilfreich zur Seite steht, wie es jetzt eine Freundin erzählte, die mein Buch einer anderen Freundin schenkte, die einen an schwer Demenz erkrankten Mann hat und die einfach sagte, dass ihr meine Zeilen gut täten und helfen würden.
Mein Freund Oryoki gibt es nun in einer guten englischen Übersetzung, die diesen einmaligen Freund auch Menschen im englischsprachigen Bereich zugutekommen kann. Aber bis heute blieb meine Suche nach einem englischsprachigen Verlag, der ein solches Buch druckt und vermarktet erfolglos, aber wer weiß…

Wer kennt eigentlich wen? Was ist berühmt? Was nicht?
In diesem Zusammenhang habe ich mich gefragt, wer kennt eigentlich wen oder was? Was lässt einen/e Lektorin, der/die ja auch nichts Anderes ist als ein Lesender, aufhorchen und sich einsetzen für etwas, was irgendwie anders ist? Ich las einmal, dass Paulo Coelho viele Jahre immer wieder neu einen Verlag suchte, der seine Bücher druckte. Und heute sind es Welterfolge. Der Schriftsteller Jorge Luis Borges sagte einmal, dass er hoffe, dass eines Tages in der Kunst nicht mehr gefragt werde, wer hat es geschaffen, sondern die Kunst, der Inhalt selber der Mittelpunkt sei und bleibe.
Wer kannte Paulo Coelho vor seinem Buch? Viele Menschen, denen er vorher schon vorgelesen hat, seine Nachbarn, seine Familie und Freunde. Was führt eine/n LektorIn zu einer Entscheidung? Welches Risiko geht ein Verlag bei einem Druck ein, vor allem in unserer heutigen Zeit? Daher bin ich immer noch sehr dankbar, dass es in Würzburg eine Frau gibt, die sich traute mein Buch „Mein Freund Oryoki“ zu veröffentlichen. Der Diametric Verlag von Jutta Wilke. Danke für dieses gute Buch, dass so im deutschsprachigen Bereich einen Raum gefunden hat.
Bücher schreibt Alberto Manguel in Bibliothek bei Nacht, sind Worte, die eine Stimme bekommen haben, die Stimmungen hervorzaubern, die einen Klang bekommen, die ihrer Vollbringung lebendig entgegen sehen, wenn sie in ihrer Vielfalt genutzt werden und sind.
Zitationen schreibt Alberto Manguel sind zum Beispiel Rückgriffe auf die Vergangenheit, die in die Gegenwart kommen. Sie werden erneut lebendig. Erinnerungen einer benutzten Sprache, schriftstellende Menschen einer vergangenen Zeit sind nicht mehr verschieden vom jetzt, sondern äußerst lebendig in ihren Worten hörbar und wenn wir wollen sogar erfahrbar.
Jorge Luis Borges beschreibt dies besser als jeder andere: „Ein Buch ist ein physisches Objekt in einer Welt physischer Objekte. Es ist eine Serie toter Symbole. Und dann kommt der richtige Leser vorbei, und die Wörter-oder besser die Dichtung hinter den Wörtern, […] werden lebendig, und wir haben die Auferstehung des Wortes.“ (Borges 2008, S. 9) Ein großartiger Schriftsteller und Bibliothekar.

Bücher und Demokratie
Das heißt, wir können jederzeit wie Merlin Sheldrake hineinkriechen in diese Worte eines Buches und seine Sprache erlernen und die Stimme dieser Worte lebendig werden lassen, nicht nur in uns, sondern durch das Erzählen, Miteinanderreden, im Austausch sein und im erneuten Schreiben wie hier jetzt, sind diese Sprachen der inneren und äußeren Welten erneut lebendig und direkt hier in dieser Gegenwart wieder anwesend. Sie erstehen auf. Sie lassen dann ihr Verschieden-Sein von Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft hinter sich und gehen in das Nicht-Verschieden-Sein ein. Sie sind plötzlich nicht mehr im Bereich des Toten, sondern sie teilen wieder das Lebendige, das Leben hier und jetzt.
Sprache ist nicht einfach ein Ding, das wir einfach nur benutzen, um etwas zu beschreiben oder um Menschen zu manipulieren, ob in der Werbung oder in einem social media canal, sondern Sprache sollte uns bewusst und klar sein, ist ein Werk des Menschen, das seiner Menschlichkeit Ausdruck verleiht.
Unsere Sprache ist mehr als…
Verlieren wir die Sprache, verlieren wir uns. Ersetzen wir die Sprache durch Standardisierungen von Wortgebilden, wie es eine KI sehr schnell tut, ohne dass sich der sie benutzende Mensch darüber im Klaren ist, so vereinfacht sich die Vielfalt von Sprache, von Wortgebilden, von Freiheit und Offenheit, Klarheit und Einfachheit in Wort-und Satzgestalten. Phantasie ist Idee und Idee ist eine geistige Tätigkeit. Lassen wir unsere geistige Tätigkeitswelt von Null-Eins-Folgen übernehmen, wo bleibt dann die Vielfalt und die Unerschöpflichkeit eines Nicht-Verschieden-Seins als das Lebendigste, das Gemeinsamste, das Tiefsinnigste, das Vielsagendste?
Toni Morrison noch einmal: „Leben und Werk der Autoren sind kein Geschenk an die Menschheit; sie sind eine Notwendigkeit.“ (Morrison 2022, S. 12)
In meinem Buch „Was ist „menschlich sein“? schrieb ich einmal Gedanken zu einem Zitat von Rolf Kühn meinem Masterarbeitsvater auf, die ich teilen möchte, denn diese Gedanken in Worte gepackt, äußern genau das, wovon ich hier erzähle.

Die Einheit des Selbst in einer Handlung – ein Buch schreiben
„Gäbe es ein universelles Hormonprinzip für Traurigkeit, Schmerz oder Kummer, bräuchte man nur ein Antidepressivum auf dem Markt und alle Menschen strahlen wieder. Dem ist jedoch nicht so. Wäre dies so, könnten wir Maschinen menschenähnlich bauen, denn unsere Technik ist dazu heute in der Lage, aber zum „menschlich sein“ fehlt ihnen eine Bedingung. Die Bedingung des Vergessens, eben Nicht- Intentionalität, nicht Wollen, sondern aus der Einheit des selbst […], in eine Handlung kommen. Das Zusammenfallen von Akt und Erscheinendem kann eine Maschine nicht leisten, die rein dual/binär aufgebaut ist mit null und eins. (Ellen Wilmes, zu (Kühn 2006, S. 47))
Jedes Zitat, das aus der Vergangenheit zu uns kommt, ist genau so ein Akt. Aus der Vergessenheit kommt hier an diesen Ort, in mir der Schreibenden, genau dieser einheitliche Moment hoch und greift genau an dieser Stelle ohne ein Wollen genau in dieses vergangene Wort, hebt es in die Gegenwart und errichtet etwas Neues aus diesem längst verstorben geglaubten Wort-Sein. Und es entsteht eine neue Zukunft dieser Worte. Es ist nicht mehr verschieden, es steht auf und leuchtet neu. Das ehemals alte Wort von 1934 wie bei Ortega findet Einlass in das Heute. Umgewandelt. Runderneuert. Wachgeküsst. Auferstanden von den Toten. Zukunftsorientiert.
Ein Mensch ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Warum sollten wir Menschen uns von etwas einschränken, beschränken, glaubend machen lassend, dass eine Internetwelt die Welt auffächert? Sie tut es und sie tut es nicht, denn sie ist und bleibt begrenzt. Sie hat keine Vergangenheit, keine Gegenwart und keine Zukunft. Die Internetwelt ist ein zusammengewürfelter Haufen von Worten. Sie würfelt nach einem Wort und alles, was es zu diesem Wort findet, ist scheinbar passend, aber bei näherem Hinsehen, fällt uns auf, dass unendlich viele Hinweise nicht das sind, was wir ergreifen wollen. Und die Beschränkung ist so groß, dass wir sogar eingeben müssen, was wir suchend erfahren wollen. Kennen wir kein Wort dafür, kein Resultat, eben kein Zurückspringen – resultare – zu einem Wort, dann findet dieses Ding mit Namen KI nichts, denn es kennt sie nicht, die Vergangenheit. Doch der Mensch ist sie und kennt sie, denn ohne Vergangenheit ist er nicht der, der er ist. Er ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleicht. Augenblick für Augenblick. Welch eine Freude.

Alberto Manguel weist noch auf etwas hin. Er berichtet von dem im 17.Jhd. lebenden Dichter Thomas Traherne, der ein Manuskript schrieb, das zweieinhalb Jahrhunderte unveröffentlicht blieb, bis ein neugieriger Sammler es an einem Londoner Bücherstand entdeckte und für ein paar Pence erwarb: „ Nie wirst du die Welt wahrhaft genießen bevor nicht die See selbst in deinen Adern fließt, bevor nicht die Himmel dich kleiden und die Sterne dich krönen; dann wirst du dich als einziger Erbe der ganzen Welt verstehen, und mehr noch, denn die Welt ist voll von Menschen, die ebenso einzige Erben sind wie du.“
Wir sind die Erben dieser Welt.
Wir sind Erben dieser Welt. Wir sind die, die bemerken, dass dieser gefundene Stein am Boden eine weiche Oberfläche hat, indem wir uns zu ihm bücken, ihn berühren, ihn erfahren, uns seiner erinnern und somit an etwas erinnern, was Weichheit auch in einem Stein heißt, was Stein-sein vielleicht sein kann, Berührung von … , aufmerksam sein für die uns umgebende Welt, empfinden können und vieles vieles mehr, was erst dann nicht mehr verscheidet, stirbt, wenn wir es lebendig bewahren, wenn wir es auferstehen lassen. Moment für Moment genau hier in uns, an uns und mit uns selbst und allem, was da ist.

Ein Gespür? Menschlich?
Und ich halte es mit Merlin Sheldrake: „Die Fantasie trägt in Wissenschaftlerkreisen häufig den Namen ›Spekulation‹ und wird mit einem gewissen Missvertrauen betrachtet; […] Wissenschaft ist keine Übung in leidenschaftsloser Rationalität. Wissenschaftler sind – und waren immer – emotionale, kreative, intuitive Menschen und sie stellen Fragen nach einer Welt, die nie nur dazu da war, katalogisiert und systematisiert zu werden.“ (Sheldrake 2020, S. 37)
Und mit Ortega y Gasset: „Das wenige, was er [der Mensch, E.K.-W.] […] erreichte, hat Jahrtausende und Jahrtausende erfordert und ist über Irrtümer erreicht worden, das heißt dadurch, daß man sich auf abwegige Phantasien einließ, die wie Sackgassen waren, aus denen man sich übel zugerichtet wieder zurückziehen mußte.“ (Ortega y Gasset 1951, S. 47)
Eine KI meint ohne Irrtum zu sein, so wird uns erklärt, aber wie wichtig Irrtümer im Lernprozess vom Verstehen von Welt ist, zeigt uns Ortega einleuchtend, sowie die vielen Entdeckungen der Welt, die nicht auf Analyse zurückzuführen sind, sondern tatsächlich auf eine Intuition, die keine KI hat und erst recht niemals ist. Eine KI ist das, was der Quantenphysiker Bohm so ausdrückt: „Letztendlich können wir nicht anders als zu zerstören, wenn wir einen fragmentarischen Ansatz wählen.“ (Weber 2019, S. 64)
Und eine KI ist und bleibt fragmentarisch im Angesicht einer allumfassenden phantasievollen, ideenreichen, vollständigen und vollbrachten Leistung der Bücher dieser Welt.
Bücher sind Vielfalt und somit gelebte Demokratie
Deutlicher wird die Vielfalt des menschlichen Tuns kaum ausgedrückt. Und Bücher tun genau das.
Ingeborg Gleichauf arbeitete heraus, dass Mechtild von Magdeburg im 12 Jhd. gerade dem Wort Empfindungskraft, glasklaren Verstand und höchste Erkenntnis zuspricht und sich daher für ihre Umsetzung einsetzte. (Gleichauf 2005, S. 37)
Worte sind also lebendige Einheiten, die empfunden werden können. Sehen wir in ihnen nur noch eine Informationsquelle geht das verloren, was die einfache Begegnung mit einem Stein erzählt. Empfindungskraft und glasklarer Verstand treffen aufeinander und das Leben steht auf und stirbt nicht. Es vollbringt sich weiter, Wort für Wort, Buch für Buch, SchriftstellerIn für SchriftstellerIn. Erst dadurch bleibt menschliches Leben ein menschliches und vollbringt sich stets immer wieder neu.
Warum diese Zeilen entstanden sind, fragen sie jetzt? Ich hatte eine Schreibblockade. Zu meinem neuen Buch fanden sich keine Worte mehr. Hier stehen wieder welche und ich glaube sogar bedeutsame, denn eine Welt ohne die Vielfalt von Büchern ist eine einsame, leere Welt. Menschenentleert. Kein Buch. Keine Lesenden. Keine Lesenden. Keine Menschen mehr?
Literaturverzeichnis

