SonntagsBlog „Selbst-Achtung“, 17. Mai 2026
Liebe ZenhoflerInnen,
ich weiß nicht, wie es euch mit dem bisherigen Mai geht, aber die Schafskälte hat mir doch ordentlich zugesetzt und ich hoffe, dass wir jetzt dem Ende Mai angekündigten besseren und wärmeren Wetter mit Freude entgegensehen können.
Vor kurzem brachte mir Annika ein Buch mit von Toni Morrison, einer Schriftstellerin aus Amerika, Nobelpreisträgerin der Literatur. Da sie selbst eine Schwarze war, leider ist sie bereits verstorben, hat sie sich intensiv mit der Geschichte ihrer Vorfahren auseinandergesetzt. Sie lehrte an verschiedenen Universitäten und als eine Art Nachlass ist das Buch „Selbstachtung“ zu verstehen.

Doch, was ist Selbstachtung?
In der Regel gehen wir davon aus, dass wir unser eigenstes Selbst achten, wenn wir es denn kennen und ergriffen haben. Aber, was ist dieses Selbst? Im letzten Oster-Sesshin haben wir uns dieser Frage gestellt und verschiedene Antworten gefunden. Ein jeder für sich und wir alle gemeinsam in unserem täglichen Tun während des Sesshin. Ja, da gibt es dieses ganz eigene Selbst, das oft verwechselt wird mit dem scheinbar großen Ich. Und da gibt es ein großes situatives ganzes Selbst wie ich es benannte, das Selbst, das wir alle Moment für Moment umfassen. Wozu der Regenwurm im Garten gehört, der Nachbar, der Topf im Schrank und die eigene gefühlte Emotionalität und Denkprozesse und vor allem das eigene Tun gehört.

Jeder Moment unserer aller Leben ist bereits ein großes situatives ganzes Selbst. Augenblick für Augenblick formt sich im Kleinen wie im Großen genau dieser eine Augenblick ab. Er gestaltet sich genau so und nicht anders. Wie kommt es dazu?
Selbst-Achtung
In der Meditationsform Zazen wisst ihr, betrachten wir in der Regel zwei große Räume oder auch Felder. Den Körper-Bereich und den geistigen Bereich. Beim Selbst achten, geht beides mit ein, denn ohne Körper könnten wir nicht bemerken und ohne den beobachtenden Geist könnten wir den Körper nicht einschalten und zur Absicht machen, dass wir jetzt bewegungslos sitzen bleiben wollen, nur um zuzuschauen, was da jetzt gerade in, mit und durch uns selbst passiert, in genau diesem meinen Körper-und Geist-Raum.

Wenn wir jetzt also unser eigenstes Selbst beachten, achten wollen, müssen wir erst einmal wissen, was es ist? Wie soll ich etwas beobachten, von dem ich nicht weiß, was es ist? Doch, merkwürdigerweise tut Zazen genau das. Es beobachtet etwas, was wir in keinster Weise mit klarem Verstand umreißen können. Es ist dieses Feld, dieser Raum, der uns seit unserer Geburt bekannt ist, aber der irgendwo irgendwie in den Tiefen unserer Räume schlummert und darauf wartet geweckt zu werden, eben wach zu werden und wach zu sein und dann wach zu bleiben.
Wir wissen es sofort!
Wenn uns dies für einige Sekunden in der Meditation gelingt, fühlen wir es sofort und wir wissen es sofort: das ist es! Wenn uns dann jemand fragt: was ist es? dann können wir es nicht recht benennen, denn es ist so schnell, so nah, so direkt, so einfach.
Und wenn wir diese Erfahrung auf das große situative ganze Selbst anwenden, so ist dies nicht anders. Es ist auch eine augenblickliche Erfahrung und wir alle wissen, wann es eingetreten ist. Und das Einzige, was wir tun können, ist, genau diese Selbst-Achtung zu üben.
Wir beobachten, achten auf das Erscheinen, das Auftauchen, der Gestalt und dem Feld des eigenen Selbst und je vertrauter wir mit ihm sind, umso vertrauter sind wir mit dem großen situativen Feld.
Beobachtungs-und Bemerkenspraxis
Wozu sollte diese Arbeit und individuelle Herausforderung notwendig sein? Wozu sollte diese Anstrengung den aktiven Geist zu beobachten wichtig sein? Wozu brauchen wir diese Beobachtungs-und Bemerkenspraxis?
Selbstachtung, das tun wir doch immer schon. Ich achte darauf, dass ich gesundes Essen zu mir nehme, dass ich mich sportlich betätige, regelmäßig in Urlaub fahre und mich erhole, dass ich soziale Kontakte halte und und und…
Doch, ist das, was wir da für Selbstachtung halten, wirklich Selbstachtung? Begegnet sie uns nicht erst, wenn sie uns jemand wegnimmt? Dazu eine kleine Lebensgeschichte von mir.
Eine beachtenswerte Lebensgeschichte
Mit 18 Jahren begann ich meine Ausbildung als Kinderkrankenschwester. Im zweiten Lehrjahr wurde ich auf der Neugeborenen-station eingesetzt bei Schwester Rugeria, einer Nonne des Vinzentiner-Ordens. An einem Wochenende hatten wir irre viel zu tun. Es war bereits halb neun und ich hätte schon seit einer halben Stunde Feierabend gehabt. Damals arbeiteten wir noch im sogenannten Teildienst, d.h. wir arbeiteten mit einer kurzen Mittagsunterbrechung den ganzen Tag. Ich hielt gerade ein Kind in meinen Armen und machte es für die Mutter zum Stillen fertig, schrie mich Schwester Rugeria von der Seite an: Ich solle das Kind weglegen und den Müll rausbringen. Diese Worte kamen in einem Tonfall und einer Aggressivität und Missachtung heraus, dass ich mir tatsächlich und ich war damals 19 Jahre alt wie ein Putzlappen vorkam.
Und dann geschah das Merkwürdige. Ich wickelte das Kind zu Ende, legte es auf die Waage und dann ins Bett. Zog meinen Kittel über der Schwesterkleidung aus, legte ihn sorgsam zusammen, drehte mich zu Schwester Rugeria um und sagte: Gute Nacht und ging.

Das Selbst läuft von ganz allein!
Es war ein Selbst-läufer. Nichts bewegte sich in meinem gedanklichen Geist, sondern mein Körper agierte von sich aus, ganz Selbst, eben Selbst-verständlich. Mein Körper verstand in diesem Moment sein eigenes Selbst und umgedreht und beide zusammen waren sich im Klaren, so geht es nicht: das ist menschliche Missachtung.
An dieser kleinen Geschichte könnt ihr sehen, wie schwer es ist, diesem wirklich echten tief verwurzelten eigenen Selbst zu begegnen. Aber das Schöne daran ist, wenn ihr es seht, fühlt, bemerkt und beachtet, dann seid ihr ebenfalls im großen situativen Selbst angekommen, denn ab dem nächsten Tag war diese Schwester Rugeria stets freundlich zu mir. Offensichtlich sollte auch sie durch mich und mein Tun etwas lernen und erfahren.

Und das ist etwas, was die Schriftstellerin Toni Morrison so ausdrückt und dem schließe ich mich an:
Uns allen in diesem Sinne eine lebenswerte Welt.
Ellen Daoren
Literaturverzeichnis

